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Lebensmittellogistik · Fachartikel

ETA-Prognosen in der Logistik: Wie sie berechnet werden und was sie für Kunden und Rampen bringen

ETA Prognose Logistik: Wie Ankunftszeiten aus Telematik, Verkehr, Servicezeiten und Lenkzeiten berechnet werden, welche Genauigkeit realistisch ist.

Aktualisiert am 18.9.2026 · 7 Min. Lesezeit

Eine ETA-Prognose (Estimated Time of Arrival) berechnet die voraussichtliche Ankunft eines Fahrzeugs an jedem verbleibenden Stopp aus aktueller Position, Fahrzeit mit Verkehrslage, Servicezeiten der vorherigen Stopps und den Pausen nach Lenk- und Ruhezeiten. Sie ist damit keine einfache Navigationsangabe, sondern eine Kettenrechnung über die gesamte Resttour. Ihr Nutzen entsteht erst, wenn sie früh genug bei Rampe und Kunde ankommt, um Personal und Slots anzupassen.

Was eine ETA in der Tourenplanung ist

Im Navigationsgerät bedeutet ETA die Ankunft am nächsten Ziel. In der Logistik ist die Aufgabe größer: Ein Fahrzeug mit 18 verbleibenden Stopps hat 18 ETAs, und jede hängt von allen vorherigen Stopps ab. Eine Verspätung von 10 Minuten am dritten Stopp verschiebt alle folgenden 15 Stopps, kann aber durch einen kürzeren Aufenthalt am fünften Stopp wieder ausgeglichen werden.

Drei Zeitpunkte sind zu unterscheiden:

  • Plan-ETA: Vor Tourbeginn aus der Tourenplanung berechnet. Basis für Avisierung und Zeitfensterprüfung.
  • Live-ETA: Während der Tour laufend neu berechnet, typischerweise alle 1 bis 5 Minuten oder bei jedem Ereignis (Abfahrt vom Stopp, Stau, Umleitung).
  • Ist-Ankunft: Tatsächlicher Zeitpunkt, aus Telematik (Geofence) oder Scan. Dient dem Abgleich und dem Lernen der Servicezeiten.

Wie eine ETA berechnet wird

Die Grundformel

Für den Stopp n gilt vereinfacht:

ETA(n) = aktuelle Zeit + Summe der Fahrzeiten bis Stopp n + Summe der Servicezeiten der Stopps 1 bis n−1 + geplante Pausen + Wartezeit auf Zeitfensterbeginn

Jeder Summand hat eigene Datenquellen und eigene Fehler. Die Qualität der ETA hängt davon ab, wie gut jeder einzelne Baustein geschätzt wird.

Eingangsgrößen und ihre Datenquellen

Baustein Datenquelle Typischer Fehler Wie der Fehler sinkt
Position und Zeitpunkt GPS aus Telematik oder Fahrer-App Sekunden bis Minuten (Sendeintervall) Kurzes Intervall, Ereignisse (Abfahrt) sofort melden
Fahrzeit zwischen Stopps Lkw-Routing mit Fahrzeugprofil, Verkehrslage, historische Geschwindigkeiten je Uhrzeit 5–15 % im Stadtverkehr Lkw-Profil (Höhe, Gewicht, Durchfahrtsverbote), Echtzeitverkehr
Servicezeit je Stopp Ist-Daten aus vorherigen Anlieferungen 5–20 min je Stopp bei Pauschalwerten Median je Empfänger und Wochentag statt Pauschale
Pausen Lenkzeit aus Fahrtenschreiber oder App 45 min, wenn nicht berücksichtigt Restlenkzeit in Echtzeit übernehmen
Wartezeit auf Zeitfenster Zeitfenster aus Auftragsdaten 0–60 min Zeitfenster als Restriktion, nicht nur als Information
Rampenwartezeit Historische Werte je Standort, Avisierungsstatus 10–60 min bei Zentrallägern Rückmeldung des Rampenbetreibers, Slotbestätigung

Der größte Einzelfehler in der Praxis liegt nicht bei der Fahrzeit, sondern bei Servicezeit und Rampenwartezeit. Die BALM-Fahrerbefragung 2017 zeigt, dass Wartezeiten an Rampen aus Sicht von 46,7 % der befragten Fahrer zugenommen hatten, und dass rund 65 % der Fahrer nicht immer wissen, ob die Entladung vertraglich geregelt ist. Diese Unsicherheit schlägt direkt auf die ETA durch.

Fahrzeitschätzung für Lkw

Eine ETA auf Pkw-Basis ist für Lkw systematisch zu optimistisch. Ein Kühl-Lkw mit 12 t fährt auf Landstraßen langsamer, darf bestimmte Straßen nicht befahren und benötigt Zeit zum Rangieren. Eine belastbare Berechnung braucht:

  • ein Fahrzeugprofil (Höhe, Breite, Gewicht, Achslast) für die Routenwahl
  • historische Geschwindigkeitsprofile je Straßenabschnitt und Tageszeit
  • Echtzeitverkehr für die nächsten 30 bis 60 Minuten, danach überwiegt der historische Wert
  • Zufahrtszeiten an Zentrallägern (Pforte, Werksgelände, Rangieren zur Rampe)

Lenk- und Ruhezeiten in der ETA

Nach Art. 7 VO (EG) 561/2006 muss der Fahrer nach 4,5 Stunden Lenkzeit eine Fahrtunterbrechung von 45 Minuten einlegen. Eine ETA, die diese Pause nicht kennt, ist für alle Stopps nach der Pause um bis zu 45 Minuten falsch. Deshalb muss die Restlenkzeit aus dem Fahrtenschreiber oder der Fahrer-App in die Berechnung einfließen. Gute Systeme legen die Pause auf einen Stopp mit Fremdentladung und rechnen sie als Servicezeit, statt sie als eigenen Halt einzuplanen.

Lernen aus Ist-Daten

Jede abgeschlossene Tour liefert Ist-Werte: tatsächliche Fahrzeit je Abschnitt, tatsächliche Servicezeit je Stopp, tatsächliche Wartezeit je Rampe. Werden diese Werte je Empfänger, Wochentag und Uhrzeit gespeichert, sinkt der Fehler der nächsten Prognose. Ein Empfänger, der montags im Median 28 Minuten und freitags 14 Minuten braucht, wird mit diesen beiden Werten geplant, nicht mit einem Durchschnitt von 21 Minuten.

Genauigkeit: Was realistisch ist

Die Unsicherheit einer ETA wächst mit der Zahl der verbleibenden Stopps. Als Orientierung für Verteilerverkehr mit datenbasierten Servicezeiten:

Verbleibende Stopps bis zum Ziel Realistische Abweichung (Median)
1 (nächster Stopp) 2–5 min
2–5 5–15 min
6–10 10–25 min
über 10 20–40 min

Diese Werte sind Erfahrungswerte, keine Normvorgaben. Sie zeigen aber, warum eine ETA für den letzten Stopp einer 20-Stopp-Tour am Morgen nur ein Zeitfenster sein kann und keine Uhrzeit. Seriöse Systeme geben deshalb neben der ETA eine Spanne oder ein Vertrauensmaß an, etwa „11:20 bis 11:50 Uhr" statt „11:35 Uhr".

Zur Messung der eigenen ETA-Qualität eignen sich zwei Kennzahlen:

  • Mittlerer absoluter Fehler (MAE) in Minuten, getrennt nach Prognosehorizont
  • Trefferquote, also Anteil der Stopps, bei denen die Ist-Ankunft innerhalb von ±15 Minuten der letzten ETA vor Abfahrt vom Vorstopp lag

Was die ETA für Rampen bringt

Slots halten oder verschieben

Ein Zentrallager mit 20 Rampen und Slots von 30 Minuten verliert bei jeder Verspätung Kapazität: Die Rampe steht leer, das nächste Fahrzeug wartet. Kommt die ETA-Abweichung 60 Minuten vorher an, kann der Rampenbetreiber den Slot tauschen und ein wartendes Fahrzeug vorziehen. Der BALM-Sonderbericht zur Laderampe nennt als Hauptursachen für Wartezeiten unter anderem einen unzureichend gesteuerten Lkw-Zulauf bei Aufkommensspitzen und Verspätungen von Lkw an der Rampe. Beides ist mit ETA-Daten steuerbar.

Personal und Kühlkette

Bei Frischware muss die Ware nach Ankunft schnell in den Kühlbereich. Ein Rampenteam, das die Ankunft 30 Minuten vorher kennt, hält die Übergabe kurz und verkürzt die Zeit, in der die Ladung bei geöffneten Türen steht. Das ist nach VO (EG) 852/2004 Anhang II Kapitel IV Teil der Verpflichtung, Lebensmittel bei geeigneten Temperaturen zu befördern.

Voraussetzungen auf Rampenseite

  • Ein Kanal, über den die ETA ankommt: Zeitfenstermanagementsystem, Schnittstelle, E-Mail oder Portal
  • Ein Prozess, der auf ETA-Abweichungen reagiert (wer darf Slots tauschen?)
  • Rückmeldung an den Spediteur, wenn der Slot verschoben wurde, damit die Tour neu gerechnet wird

Was die ETA für Kunden bringt

Für Gastronomie, Handel und Werksverkehre ist die ETA vor allem eine Planungsinformation für den Wareneingang:

  • Filiale: Personal für Wareneingang wird nur für das erwartete Fenster eingeplant, nicht für den ganzen Vormittag.
  • Gastronomie: Lieferung vor Küchenbeginn wird bestätigt oder eine Abweichung frühzeitig gemeldet.
  • Werksverkehr: Produktionsversorgung kann bei Verspätung umgeplant werden, bevor die Linie steht.

Die Benachrichtigung sollte ereignisgesteuert sein: eine Nachricht bei Tourstart mit dem geplanten Fenster, eine bei Abfahrt vom Vorstopp mit der Live-ETA, eine bei Abweichung von mehr als 15 Minuten. Mehr Nachrichten erzeugen Rauschen, weniger lassen den Kunden nachfragen.

Anforderungen an ein ETA-System

Wer ein System auswählt oder die eigene Berechnung prüft, sollte diese Punkte abfragen:

  1. Lkw-Routing mit Fahrzeugprofil, nicht Pkw-Routing
  2. Servicezeiten je Empfänger aus Ist-Daten, nicht pauschal je Tour
  3. Lenkzeiten aus Fahrtenschreiber oder App in der Berechnung
  4. Zeitfenster als Restriktion: Ankunft vor Fensterbeginn erzeugt Wartezeit in der ETA
  5. Neuberechnung bei Ereignissen, nicht nur im festen Intervall
  6. Vertrauensangabe oder Spanne statt Punktwert
  7. Schnittstelle zu Zeitfenstermanagement und Kundensystemen
  8. Rückkopplung: Ist-Ankünfte fließen automatisch in die nächste Planung

Eine integrierte Lösung wie RCX Logistik berechnet ETAs aus Planung, Telematik und Lenkzeitdaten in einem System und stellt sie über Sendungsverfolgung und Kundenbenachrichtigung bereit. Entscheidend ist dabei weniger die Software als die Datenbasis: Ohne gemessene Servicezeiten bleibt jede ETA eine Schätzung mit großem Fehler.

Typische Fehler bei der Einführung

  • ETA nur intern nutzen. Der Nutzen entsteht beim Empfänger. Eine ETA, die nur der Disponent sieht, spart keine Rampenzeit.
  • Zu viele Benachrichtigungen. Kunden schalten ab, wenn alle fünf Minuten eine neue Uhrzeit kommt. Schwellen für Abweichungen definieren.
  • Pkw-Navigation als Basis. Führt zu systematisch zu frühen ETAs und Vertrauensverlust bei Rampenbetreibern.
  • Keine Rückkopplung. Wenn Ist-Werte nicht gespeichert werden, bleibt der Fehler dauerhaft gleich.
  • Zeitfenster ignorieren. Eine ETA vor Fensterbeginn ist keine Ankunft, sondern Wartezeit.

Fazit

Eine ETA-Prognose ist eine Kettenrechnung aus Fahrzeit, Servicezeit, Pausen und Zeitfenstern über die gesamte Resttour. Ihre Genauigkeit hängt vor allem von gemessenen Servicezeiten und der Einbeziehung der Lenkzeiten ab, nicht von der Verkehrsdatenqualität allein. Ihren Nutzen entfaltet sie, wenn sie früh genug und mit Vertrauensangabe bei Rampe und Kunde ankommt: Slots werden gehalten oder rechtzeitig getauscht, Personal wird gezielt eingesetzt, und die Kühlkette bleibt bei der Übergabe kürzer offen.

Quellen und Rechtsgrundlagen

  1. Verordnung (EG) Nr. 561/2006 (Lenk- und Ruhezeiten), konsolidierte Fassung – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A02006R0561-20200820
  2. BALM Marktbeobachtung Güterverkehr: Sonderbericht zur Situation an der Laderampe – https://www.balm.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Marktbeobachtung/Sonderberichte/SB_Rampe.pdf?__blob=publicationFile&v=1
  3. BALM Marktbeobachtung Güterverkehr: Abläufe an den Laderampen verbessern (Fahrerbefragung 2017) – https://www.balm.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Marktbeobachtung/Sonderberichte/Laderampe2017_Fahrerbefragung.pdf?__blob=publicationFile
  4. Verordnung (EG) Nr. 852/2004 über Lebensmittelhygiene, Anhang II Kapitel IV – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A02004R0852-20210324
FAQ

Häufige Fragen

Was bedeutet ETA in der Logistik?
ETA steht für Estimated Time of Arrival, die voraussichtliche Ankunftszeit eines Fahrzeugs oder einer Sendung an einem Stopp. In der Tourenplanung wird sie vor Tourbeginn aus Planwerten berechnet und während der Tour laufend aus der aktuellen Position, dem Verkehr und den verbleibenden Stopps aktualisiert.
Wie genau sind ETA-Prognosen?
Im Verteilerverkehr sind Abweichungen von wenigen Minuten für den nächsten Stopp und von 15 bis 30 Minuten für Stopps am Tourende realistisch. Die Genauigkeit sinkt mit jedem weiteren Stopp, weil sich Unsicherheiten aus Fahrzeit und Standzeit addieren. Systeme, die Servicezeiten aus Ist-Daten lernen, sind deutlich genauer als solche mit pauschalen Werten.
Welche Daten braucht eine ETA-Berechnung?
Mindestens die aktuelle Fahrzeugposition, die Reihenfolge der verbleibenden Stopps, Fahrzeiten aus einer Lkw-Routing-Engine mit Verkehrsdaten, Servicezeiten je Stopp, Zeitfenster und die verbleibende Lenkzeit des Fahrers. Fehlt die Lenkzeit, wird die Pause nicht berücksichtigt und die ETA ist bis zu 45 Minuten zu früh.
Was bringt eine ETA dem Rampenbetreiber?
Der Rampenbetreiber kann Slots verschieben, bevor ein Stau an der Rampe entsteht, und Personal gezielt einsetzen. Voraussetzung ist, dass die ETA früh genug und mit einer Vertrauensangabe übermittelt wird. Eine ETA, die erst 10 Minuten vor Ankunft eintrifft, hilft an der Rampe nicht mehr.
Ersetzt eine ETA die Avisierung?
Nein. Die Avisierung ist die verbindliche Anmeldung eines Fahrzeugs für einen Zeitraum, die ETA ist die laufend aktualisierte Prognose innerhalb dieses Zeitraums. Beide ergänzen sich: Die Avisierung reserviert den Slot, die ETA zeigt, ob er gehalten wird, und ermöglicht eine Umplanung.

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