CO₂ in der Lebensmittellogistik: Was Tourenoptimierung wirklich bringt (Rechenbeispiel)
CO2 Reduktion Logistik: Rechenbeispiel mit offenen Annahmen, was Tourenoptimierung bei einer Kühlflotte an CO₂ und Diesel spart – nach ISO 14083.
Aktualisiert am 18.9.2026 · 6 Min. Lesezeit
Tourenoptimierung senkt CO₂-Emissionen in der Lebensmittellogistik fast ausschließlich über zwei Hebel: weniger gefahrene Kilometer und weniger Standzeit mit laufendem Motor oder Kühlaggregat. Beides lässt sich mit wenigen Annahmen nachrechnen. Das folgende Rechenbeispiel legt alle Werte offen, damit Sie es auf Ihre Flotte übertragen können.
Die Rechengrundlagen
Emissionsfaktor Diesel
Bei der Verbrennung von einem Liter Diesel entstehen rund 2,65 kg CO₂. Dieser Wert ergibt sich aus Dichte (ca. 0,83 kg/l) und Kohlenstoffanteil (ca. 86 %) des Kraftstoffs und wird unter anderem vom Umweltbundesamt und in Dokumentationen des Deutschen Bundestages verwendet. Er beschreibt die Emissionen am Auspuff (Tank-to-Wheel, TTW).
Für Berichte nach ISO 14083 ist zusätzlich die Vorkette relevant: Förderung, Raffinerie und Transport des Kraftstoffs (Well-to-Tank). Zusammen ergibt sich der Well-to-Wheel-Wert (WTW), der nach den Standardfaktoren des GLEC Framework für fossilen Diesel bei rund 3,2 kg CO₂e/l liegt. Im Rechenbeispiel wird zunächst mit 2,65 kg gerechnet, weil dieser Wert am leichtesten nachvollziehbar ist; der WTW-Wert wird am Ende ergänzt.
Verbrauch Kühlfahrzeug
Ein 12-t-Kühlfahrzeug im Verteilerverkehr mit vielen Stopps verbraucht je nach Beladung, Topografie und Fahrweise etwa 25 bis 35 l/100 km. Das Rechenbeispiel setzt 30 l/100 km an. Ein 40-t-Sattelzug im Streckenverkehr liegt eher bei 28 bis 32 l/100 km, ein 7,5-t-Fahrzeug bei 18 bis 22 l/100 km. Setzen Sie Ihre eigenen Verbrauchswerte aus der Tankkarte ein.
Kühlaggregat
Dieselbetriebene Transportkälteaggregate verbrauchen im Betrieb etwa 1 bis 3 l/h, abhängig von Größe, Solltemperatur, Außentemperatur und Betriebsart (Dauerlauf oder Start-Stopp). Das Beispiel rechnet mit 2 l/h.
Rechenbeispiel: Regionale Kühlflotte
Annahmen
Größe
Wert
Herkunft
Fahrzeuge
20 Kühl-Lkw (12 t)
Beispiel
Einsatztage pro Jahr
250
Beispiel
Kilometer je Fahrzeug und Tag
180 km
Beispiel, typischer Regionalverteilverkehr
Verbrauch Fahrzeug
30 l/100 km
Annahme, siehe oben
Standzeit mit laufendem Aggregat je Tag
60 min je Fahrzeug
Beispiel
Verbrauch Aggregat
2 l/h
Annahme, siehe oben
Emissionsfaktor Diesel (TTW)
2,65 kg CO₂/l
Umweltbundesamt
Dieselpreis netto
1,45 €/l
Annahme
Ausgangslage vor Optimierung
Jahresfahrleistung: 20 × 180 km × 250 = 900.000 km
Kraftstoff Fahrbetrieb: 900.000 km × 0,30 l/km = 270.000 l
Kraftstoff Aggregat im Stand: 20 × 250 × 1 h × 2 l/h = 10.000 l
Gesamtverbrauch: 280.000 l
CO₂ (TTW): 280.000 l × 2,65 kg = 742 t CO₂ pro Jahr
Kraftstoffkosten: 280.000 l × 1,45 € = 406.000 €
Wirkung der Tourenoptimierung
Zwei Annahmen zur Wirkung, beide bewusst konservativ gewählt:
Kilometerreduktion 8 % durch bessere Stoppreihenfolge, Fahrzeugzuordnung und Bündelung. Erfahrungswerte aus Projekten liegen zwischen 5 und 15 %.
Standzeitreduktion 15 % durch Zeitfenstertreue und Avisierung, entsprechend dem Erfahrungswert aus Kundenprojekten.
Rechnung:
Eingesparte Kilometer: 900.000 × 0,08 = 72.000 km
Eingesparter Diesel Fahrbetrieb: 72.000 × 0,30 = 21.600 l
Eingesparte Standzeit: 20 × 250 × 1 h × 0,15 = 750 h, entsprechend 1.500 l
Gesamteinsparung Diesel: 23.100 l (8,25 % des Ausgangsverbrauchs)
CO₂-Einsparung (TTW): 23.100 × 2,65 kg = 61,2 t CO₂ pro Jahr
Kostenersparnis Kraftstoff: 23.100 × 1,45 € = 33.500 € pro Jahr
Ergebnis in der Übersicht
Kennzahl
Vorher
Nachher
Differenz
Kilometer pro Jahr
900.000
828.000
−72.000 (−8 %)
Diesel pro Jahr
280.000 l
256.900 l
−23.100 l
CO₂ (TTW, 2,65 kg/l)
742 t
681 t
−61 t
CO₂e (WTW, ca. 3,2 kg/l)
896 t
822 t
−74 t
Kraftstoffkosten
406.000 €
372.500 €
−33.500 €
Die Rechnung zeigt zwei Dinge. Erstens: Die prozentuale CO₂-Einsparung entspricht fast exakt der prozentualen Kraftstoffeinsparung, weil der Emissionsfaktor konstant ist. Wer Kilometer misst, misst damit auch CO₂. Zweitens: Der Kostenhebel ist größer als der Kraftstoffanteil zeigt, denn mit weniger Kilometern sinken auch Verschleiß, Maut und Fahrerstunden. Der Erfahrungswert von rund 8 % niedrigeren Logistikkosten aus Kundenprojekten bezieht diese Nebeneffekte ein.
Was die Rechnung nicht zeigt
Ein ehrliches Rechenbeispiel benennt seine Grenzen:
Ausgangsniveau: Wer bereits mit Optimierungssoftware plant, spart durch einen Systemwechsel deutlich weniger als 8 % Kilometer. Der größte Effekt entsteht beim Wechsel von manueller Gebietsplanung zu algorithmischer Optimierung mit Restriktionen.
Zeitfensterdichte: Sehr enge Zeitfenster schränken den Optimierungsspielraum ein. Dann verschiebt sich der Effekt von Kilometern zu Standzeiten.
Reboundeffekt: Frei werdende Fahrzeugkapazität wird häufig mit zusätzlichen Aufträgen gefüllt. Die absolute Emission der Flotte sinkt dann nicht, wohl aber die Emission je Lieferung. Für den Nachweis nach ISO 14083 ist die Intensität (g CO₂e je Tonnenkilometer) die richtige Kennzahl.
Aggregatlaufzeit: Bei Tiefkühlware läuft das Aggregat auch während der Fahrt; der Standzeiteffekt betrifft nur den zusätzlichen Verbrauch im Stand.
Berechnung nach ISO 14083
Von der Flotte zur Sendung
Die CO₂-Bilanz der Flotte ist der erste Schritt. Kunden und Auditoren verlangen zunehmend die Emissionen je Sendung. Dafür legt die ISO 14083:2023 (in Deutschland als DIN EN ISO 14083:2024-06 veröffentlicht) die Methode fest. Sie hat die seit 2012 gültige DIN EN 16258 abgelöst und geht in drei Punkten darüber hinaus:
Umschlagpunkte (Hubs, Läger, Kühlhäuser) werden einbezogen.
Kältemittelverluste aus Kühlaggregaten werden berücksichtigt.
Die Methode gilt weltweit und multimodal, nicht nur europäisch.
Das Grundprinzip der Zuordnung: Die Emissionen eines Transportabschnitts werden über die Transportleistung (Tonnenkilometer) auf die Sendungen verteilt. Im Beispiel oben:
Angenommene durchschnittliche Beladung: 5 t
Transportleistung: 828.000 km × 5 t = 4,14 Mio. tkm
Emissionsintensität (WTW): 822 t CO₂e / 4,14 Mio. tkm ≈ 199 g CO₂e/tkm
Dieser Wert ist typisch für Verteilerverkehr mit vielen Stopps und geringer Auslastung. Streckenverkehr mit Sattelzügen liegt deutlich niedriger, oft unter 100 g CO₂e/tkm. Vergleiche sind nur innerhalb desselben Verkehrstyps sinnvoll.
Datenanforderungen
Für einen belastbaren Bericht nach ISO 14083 benötigen Sie je Tour:
Gefahrene Kilometer (Telematik oder Tachograph)
Kraftstoffverbrauch (Tankkarte, CAN-Bus) oder ersatzweise Verbrauchsannahmen mit Quellenangabe
Beladung je Abschnitt in Tonnen oder Ladungsträgern
Leerkilometer, die anteilig auf die Sendungen umgelegt werden
Aggregatlaufzeit und Kältemittelnachfüllmengen
Ein Planungs- und Telematiksystem, das diese Daten je Tour aufzeichnet, verkürzt die Berichterstellung erheblich. RCX Logistik führt Tourdaten, Verbrauch und Standzeiten zusammen, so dass die Kennzahlen je Tour und je Sendung ohne manuelle Nacharbeit vorliegen.
Weitere Hebel neben der Tourenoptimierung
Tourenoptimierung ist der schnellste Hebel, weil sie keine Investition in Fahrzeuge erfordert. Andere Maßnahmen wirken zusätzlich:
Maßnahme
Typische Wirkung auf Verbrauch
Voraussetzung
Fahrertraining (vorausschauendes Fahren)
3–8 %
Rückmeldung aus Telematik
Auslastung erhöhen (Bündelung, Rückladung)
Intensität je tkm sinkt stark
Planung über mehrere Kunden
Standzeit ohne Aggregatlauf (Landstromanschluss an Rampen)
Standverbrauch entfällt
Infrastruktur beim Empfänger
HVO 100 als Kraftstoff
bis ca. 90 % WTW-Reduktion laut Herstellerangaben
Freigabe durch Fahrzeughersteller, Verfügbarkeit
Batterieelektrische Kühlfahrzeuge
TTW null; WTW abhängig vom Strommix
Ladeinfrastruktur, Reichweite
Die Prozentwerte sind Größenordnungen aus der Fachliteratur und Herstellerangaben, keine gemessenen Ergebnisse dieser Beispielflotte.
So übertragen Sie das Beispiel auf Ihre Flotte
Jahreskilometer und Dieselverbrauch aus Tankkarte und Telematik ziehen.
Aggregatlaufzeit im Stand schätzen oder messen (viele Aggregate zeichnen Betriebsstunden auf).
Mit 2,65 kg CO₂/l (TTW) den Ist-Wert berechnen; für den Bericht zusätzlich den WTW-Wert nach ISO 14083 ausweisen.
Ein Pilotgebiet vier Wochen mit optimierten Touren fahren und die Kilometer je Stopp mit dem Vorjahreszeitraum vergleichen.
Die gemessene Kilometer- und Standzeitreduktion in die Rechnung einsetzen, nicht die Annahme.
Damit haben Sie eine CO₂-Reduktion, die auf gemessenen Daten beruht und im Kundengespräch wie im Nachhaltigkeitsbericht standhält.
Bei der Verbrennung eines Liters Diesel entstehen rund 2,65 kg CO₂ (Tank-to-Wheel). Rechnet man Förderung, Raffinerie und Transport des Kraftstoffs hinzu (Well-to-Wheel), liegt der Wert nach den Standardfaktoren des GLEC Framework bei rund 3,2 kg CO₂e pro Liter. ISO 14083 verlangt die Well-to-Wheel-Betrachtung.
Wie berechnet man die CO₂-Emissionen einer Lkw-Flotte?
Am genauesten über den tatsächlichen Kraftstoffverbrauch: Liter Diesel multipliziert mit dem Emissionsfaktor. Fehlen Verbrauchsdaten, wird über gefahrene Kilometer und einen Durchschnittsverbrauch gerechnet. ISO 14083 legt fest, wie die Emissionen anschließend auf einzelne Sendungen verteilt werden (Tonnenkilometer).
Was ist der Unterschied zwischen DIN EN 16258 und ISO 14083?
DIN EN 16258 war seit 2012 die europäische Norm zur Berechnung von Treibhausgasemissionen im Transport. Sie wurde 2023 durch die weltweit gültige ISO 14083 abgelöst, die zusätzlich Umschlagpunkte (Hubs) und Kältemittelverluste einbezieht. Für neue Berichte sollte ISO 14083 verwendet werden.
Wie viel CO₂ spart Tourenoptimierung realistisch?
Die Einsparung folgt fast direkt aus den eingesparten Kilometern und Standzeiten. In Kundenprojekten wurden Reduktionen um rund 12 % erreicht; das Ergebnis hängt stark von der Ausgangslage ab. Wer bereits gut plant, spart weniger, wer mit festen Gebietstouren und schwankenden Mengen arbeitet, spart mehr.
Zählt das Kühlaggregat bei der CO₂-Bilanz mit?
Ja. Dieselbetriebene Transportkälteaggregate verbrauchen je nach Größe und Betriebsart etwa 1 bis 3 Liter pro Stunde. Bei langen Standzeiten mit laufendem Aggregat ist das ein relevanter Posten. ISO 14083 fordert ausdrücklich, Kältemittelverluste und den Energiebedarf der Kühlung einzubeziehen.
Das in der Praxis umsetzen?
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